Kreisarchiv Viersen

Das Projekt „Kreisarchiv Viersen“ vereint baukulturelle Qualität, Nachhaltigkeit und moderne Archivnutzung. Es basiert auf einem ganzheitlichen Konzept, das in interdisziplinärer Zusammenarbeit entwickelt wurde. Zwei differenzierte Baukörper gliedern das Gebäude in offene Besucher- und geschlossene Archivbereiche. Städtebaulich prägt der backsteinerne Solitär die Ortseingangslage. Nachhaltige Lösungen wie ein Eisspeicher mit Kraftdach (Solarabsorber und PV), Gründach, LED-Beleuchtung, Regenwassernutzung und Lebenszykluskostenanalysen wurden umgesetzt. Das Erdgeschoss in Holzbauweise bietet Flexibilität. Rund 60.000 gebrauchte Ziegel sowie recycelte und nachwachsende Materialien kamen zum Einsatz, z. B. Lehm, Gussasphaltreste, Holzfaserdämmung. Ein gemeinsames BIM-Modell unterstützte die partnerschaftliche Planung. Das Gebäude dient als Baustofflager und setzt Maßstäbe im zirkulären Bauen – ausgezeichnet als beispielhafter baukultureller Beitrag.

Foto: © Bildarchiv Monheim

Handlungsfeld Nachhaltigkeit

Dieses Projekt leistet in den folgenden Handlungsfeldern einen Beitrag zur Nachhaltigkeit:

Beitrag des Projekts zum Thema „Ressourcen und Zirkularität“
Von Beginn an wurde ein ganzheitliches Konzept verfolgt, das konsequent auf Wiederverwendbarkeit, sortenreine Trennbarkeit sowie den Einsatz nachwachsender und recycelter Materialien ausgerichtet ist. Die Erstellung eines BIM-Modells ermöglicht eine präzise Dokumentation sämtlicher verbauter Materialien und schafft die Grundlage für Rückbau, Wiederverwertung und CO₂-Bilanzierung.

Das Gebäude versteht sich bewusst als Materiallager: Wiederverwendete Ziegel, Lehmbaustoffe, recycelte Dämmmaterialien und regionale Rohstoffe wurden gezielt hinsichtlich ihrer Zirkularität ausgewählt und geprüft. Durch Lebenszyklusanalysen sowie flexible Bauweisen – etwa im Holzmodulbau – wird der Ansatz der Kreislaufwirtschaft bis in den Innenausbau konsequent umgesetzt. Zirkuläres Bauen wird somit nicht nur technisch, sondern auch gestalterisch und kulturell integriert.

Für die prägnante Feldbrandfassade kamen rund 60.000 gebrauchte Ziegel aus einer Abbruchmaßnahme zum Einsatz. Auch im Innenausbau wurden gezielt recycelte oder wiederverwendbare Baustoffe eingesetzt, darunter Lehm für Trockenbauwände, Gussasphaltreste für Bodenbeläge sowie Holzfaserdämmstoffe und Schaumglas aus Recyclingprozessen. Der bewusste Einsatz möglichst unbehandelter Materialien erhöht die Rückbaufähigkeit und macht das Gebäude zu einem aktiven Baustofflager.

Ein wesentlicher Teil der eingesetzten Materialien stammt aus einem Umkreis von weniger als 250 km und trägt damit maßgeblich zur Reduzierung von Transportemissionen sowie zur Stärkung regionaler Wertschöpfungsketten bei. So wird das Holz von der Firma Derix aus nachhaltiger Forstwirtschaft in Deutschland bezogen, während die verwendeten Ziegel als Abbruchmaterial aus Mönchengladbach durch den Hersteller ELBAU bereitgestellt werden. Ergänzend kommt Lehm der Firma Claytec zum Einsatz, dessen Rohstoffe in unmittelbarer Nähe gewonnen werden. Insgesamt stammen rund 80 Masse-% der verwendeten Materialien aus regionalen Quellen und unterstreichen den konsequenten Fokus auf ressourcenschonendes Bauen
Beitrag des Projekts zum Thema „Klimaschutz“
Für das Projekt wurde eine ganzheitliche Biodiversitätsstrategie entwickelt und nachweislich umgesetzt. Ein integrales Regenwassermanagement mit Gründach, Zisterne, Teichanlagen und Rigolen trägt zur nachhaltigen Wasserbewirtschaftung und Verbesserung des Mikroklimas bei. Ergänzend wurden naturnahe Außenanlagen gestaltet, die unter anderem Holzstege, Totholzhaufen, Wasserflächen sowie heimische Pflanzen umfassen. Dadurch entstehen vielfältige Lebensräume für Flora und Fauna und eine hohe ökologische Qualität des Freiraums.
Beitrag des Projekts zum Thema „Komfort und Gesundheit“
Das Projekt bietet hohen Nutzerkomfort durch optimierte Bau- und Raumakustik sowie eine sehr gute Tageslichtversorgung. Ein akustisches Konzept schützt vor Umgebungslärm und sichert eine hohe Raumqualität, während großflächige Glasfassaden die Aufenthaltsqualität steigern.

Besonders hervorzuheben ist die enge Einbindung der zukünftigen Nutzerinnen und Nutzer in Planung und Umsetzung. Der kontinuierliche Austausch mit Archivleiter und Werkstattleitung ermöglichte es, funktionale Anforderungen frühzeitig zu integrieren und praxisnahe Lösungen zu entwickeln. Die Zusammenarbeit wurde durch Protokolle und digitale Kommunikationsformate dokumentiert.

Ergänzend wurde ein Mobilitätskonzept umgesetzt, das Radverkehr, motorisierten Individualverkehr und Sharing-Angebote integriert. Es umfasst witterungsgeschützte Fahrradabstellanlagen, E‑Bike-Ladestationen und Duschmöglichkeiten sowie Pkw-Stellplätze mit E‑Ladeinfrastruktur und barrierefreien Parkplätzen.
Beitrag des Projekts zum Thema „Energie“
Ein Großteil des Energiebedarfs wird durch vor Ort erzeugte erneuerbare Energie gedeckt, während der verbleibende Bedarf durch klimaneutral bereitgestellte Energie ergänzt wird. Auf diese Weise wird ein vollständig klimaneutraler Gebäudebetrieb sichergestellt.
Beitrag des Projekts zum Thema „kostenoptimiertes Planen und Bauen“
Im Bereich kostenoptimiertes Planen und Bauen verknüpft das Projekt Building Information Modeling (BIM) systematisch mit Lebenszykluskostenanalysen (LCC). Das gemeinsame BIM-Modell dient dabei als zentrale Datengrundlage für die Erfassung aller Bauteile und Materialien und ermöglicht belastbare Kosten- und Variantenvergleiche über den gesamten Lebenszyklus hinweg. Auf dieser Basis wurden Materialien wie wiederverwendete Ziegel, Lehmbaustoffe und Gussasphaltreste hinsichtlich Investitionskosten, Nutzungsdauer und Rückbaupotenzial bewertet und in die Planung integriert.

Ergänzend wird das Gebäude als Materialspeicher verstanden: Für die eingesetzten Baustoffe wurden Restwerte definiert, die über das Nutzungsende hinaus bestehen und mögliche Wiederverwertungen berücksichtigen. Dadurch lassen sich wirtschaftliche Aspekte des Rückbaus und der Weiterverwendung bereits im Planungsprozess abbilden.

Ein kontinuierliches Monitoring im Betrieb sorgt zudem für die Erfassung und Auswertung relevanter Verbrauchs- und Leistungsdaten und bildet die Grundlage für eine laufende Anpassung und Optimierung der technischen Systeme.

Prozessinnovationen:

Das Projekt „Kreisarchiv Viersen“ nutzt digitale Werkzeuge wie Building Information Modeling (BIM) gezielt zur Umsetzung zirkulären Bauens. Ein gemeinsames BIM-Modell dient als zentrale Plattform für Planung, Koordination und Dokumentation und ermöglicht eine transparente, gewerkeübergreifende Zusammenarbeit. Gleichzeitig wurden Nachhaltigkeits- und Rückbaukriterien frühzeitig integriert. Alle verbauten Materialien sind digital erfasst und hinsichtlich Wiederverwendbarkeit, Recyclingfähigkeit und ökologischer Wirkung bewertet. Darauf aufbauend wurde ein Gebäuderessourcenpass entwickelt, der Materialherkunft, Einbauorte, Rückbaubarkeit und CO₂-Bilanz nachvollziehbar dokumentiert. BIM unterstützt zudem Lebenszyklusanalysen, Variantenvergleiche und die Bewertung kreislauffähiger Bauweisen.

Im Bereich Klimaschutz kommen konsequent nachwachsende, gesunde und wiederverwendbare Materialien zum Einsatz. Möglichst unbehandelte Baustoffe gewährleisten eine hohe Umweltverträglichkeit und Rückbaubarkeit. Die gezielte Auslegung auf Demontierbarkeit erleichtert die spätere Wiederverwendung, während Maßnahmen zur Regenwasserverdunstung das Mikroklima verbessern und klimatische Belastungen reduzieren.

Für Gesundheit und Komfort wurden nutzerorientierte Lösungen integriert. Eine umlaufende Veranda schafft direkt zugängliche Freibereiche für alle Büroeinheiten. Die Lüftung erfolgt sowohl mechanisch als auch über öffenbare Fenster und ermöglicht eine flexible Nutzung. Lehmbauweisen tragen zusätzlich zur Stabilisierung des Raumklimas und zu einem behaglichen Innenraum bei.

Im Energiebereich wird ein integratives System aus Eisspeicher, Kraftdach und Wärmepumpenheizung eingesetzt, das erneuerbare Energie effizient nutzt und speichert.

Eine besondere Innovation liegt im kostenoptimierten Planen: Vergleichsmatrizen bewerten Materialien systematisch nach Kosten und Lebensdauer. Das Gebäude wird zudem als Materialspeicher gedacht, indem für Baustoffe ein Restwert von 20 % angesetzt wird. Dadurch werden Rückbau- und Entsorgungskosten reduziert und die langfristige wirtschaftliche Werthaltigkeit gesichert.

Herausforderungen des Projektes:

Die Umsetzung des Projekts war mit vielfältigen planerischen und strukturellen Herausforderungen verbunden. Öffentliche Vergaberegeln begrenzten die gezielte Auswahl regionaler Auftragnehmer und Materialien, sodass zusätzliche CO₂‑Einsparpotenziale nur eingeschränkt genutzt werden konnten. Gleichzeitig erforderten die hohen und dynamischen Lasten der Archivrollregale eine besonders anspruchsvolle statische Auslegung, wodurch der Einsatz von Beton als konstruktives Material unvermeidbar wurde.

Einschränkungen ergaben sich zudem aus der Lage im Wasserschutzgebiet, die den Einsatz von Geothermie aufgrund potenzieller Havarierisiken ausschloss. Darüber hinaus stellte das Projekt in vielen Bereichen Pionierarbeit dar: Zahlreiche Planungsansätze und technische Lösungen wurden erstmals umgesetzt, was einen erhöhten Abstimmungs- und Planungsaufwand erforderte.

Zusätzlich erschwerten begrenzte Verfügbarkeiten einzelner Baustoffe sowie Lieferengpässe infolge der COVID‑19‑Pandemie – auch bei regionalen Materialien – die Umsetzung und führten zu organisatorischen und logistischen Herausforderungen im Projektablauf.

ProjektSteckbrief

Projektdaten

Projektort

41747 Viersen-Dülken

Projektgröße (BGF in m2)

4410

Bauzeit (in Jahren)

2019-2022

Projektkosten KG 300 + 400 (€ brutto)

9,8 Mio. €

Projektbeteiligte

Bauherr

Adresse

Kreis Viersen
Rathausmarkt 3
41747 Viersen

E-Mail Adresse

Architekt

Adresse

E-Mail Adresse

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