Komfort und Gesundheit beim Bauen – Lebensqualität von Anfang an
Der Komfort von Gebäuden hat einen maßgeblichen Einfluss auf die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Produktivität der Menschen, die sie nutzen. Gleichzeitig spielt die Materialökologie – also der bewusste Einsatz von gesundheitlich und ökologisch unbedenklichen Baustoffen – eine zentrale Rolle im Nachhaltigen Bauen. Gerade im Kontext der EU-Taxonomie, der REACH-Verordnung sowie der Anforderungen von Nachhaltigkeitszertifizierungen gewinnt dieses Handlungsfeld immer mehr an Bedeutung. Ziel ist es, Räume zu schaffen, die nicht nur funktional und energieeffizient, sondern auch gesund und komfortabel für ihre Nutzer sind.
Abbildung : Schwerpunkte im Handlungsfeld Komfort & Gesundheit in der ENB
Schwerpunkte im Handlungsfeld Komfort und Gesundheit
Ein gesunder Nutzerkomfort umfasst verschiedene Aspekte: Thermische Behaglichkeit, visuelle und akustische Qualität sowie eine hohe Innenraumlufthygiene sind entscheidend. Studien belegen, dass ein ausgewogenes Raumklima die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden maßgeblich steigert. Eine gute Luftqualität, eine gleichmäßige Raumtemperatur sowie optimale Lichtverhältnisse schaffen eine Umgebung, in der sich Menschen wohlfühlen und konzentrieren können. Normen wie die DIN EN 16798-1 und ASHRAE 55 definieren die Komfortbereiche, die bei der Planung berücksichtigt werden sollten.
Im Bereich Materialökologie liegt der Fokus auf schadstoffarmen und emissionsfreien Produkten. Grenzwerte, etwa ≤ 500 µg/m³ für TVOC (flüchtige organische Verbindungen) und ≤ 30 µg/m³ für Formaldehyd, dienen als Richtwerte für gesunde Innenräume. Der Einsatz von VOC-armen Baustoffen, Möbeln und Bodenbelägen sowie von passiven und aktiven Lüftungssystemen tragen zur Verbesserung der Raumluftqualität bei. Umweltzeichen wie der „Blaue Engel“ geben zudem Orientierung über die ökologische Unbedenklichkeit der eingesetzten Materialien.
Herausforderungen
Trotz wachsender Bedeutung von Nutzerkomfort und Materialökologie gibt es in der Praxis zahlreiche Herausforderungen. Ein zentrales Problem ist die fehlende Standardisierung bei der Kontrolle der Baustoffe. Die meisten Prüfungen erfolgen bislang freiwillig im Rahmen von Nachhaltigkeitszertifikaten oder zur Erfüllung der EU-Taxonomie. Eine gesetzlich verpflichtende, flächendeckende Kontrolle existiert derzeit nicht, was die Qualitätssicherung erschwert – vor allem bei Projekten mit vielen Beteiligten und unterschiedlichem Know-how.
Darüber hinaus ist die Verfügbarkeit geeigneter, schadstoffarmer Baustoffe oft eingeschränkt. Lieferengpässe und mangelnde Transparenz bezüglich der Inhaltsstoffe erschweren die Auswahl. Oft sind innovative, umweltfreundliche Materialien noch mit höheren Kosten verbunden.
Chancen und Lösungsansätze
Trotz dieser Hürden bieten materialökologische Prinzipien zahlreiche Chancen. Digitale Produktdatenbanken unterstützen Planer und Bauherren bei der Auswahl schadstoffarmer und emissionsarmer Baustoffe. Sie liefern verlässliche Informationen zu Inhaltsstoffen, Prüfwerten und Umweltzertifikaten, wodurch Materialentscheidungen transparenter und fundierter werden. Besonders effektiv ist die frühzeitige Integration dieser Anforderungen in Planung und Ausschreibung – so lassen sich ökologische Standards von Anfang an verankern.
Weiterhin sind gezielte Schulungen aller Bau-Beteiligten wichtig – von Planern über Bauherren bis zu Ausführenden – um gesundheitsrelevante Materialauswahl und Anwendung zu verbessern. Bei Bestandsgebäuden empfiehlt sich eine systematische Schadstoffanalyse, um Altlasten zu erkennen und auszuschließen. Auch zirkuläre Planungskonzepte fördern die Schadstoffvermeidung, indem sie klebstoffreiche oder nicht rückbaubare Materialien vermeiden und auf Wiederverwendbarkeit achten.
Abbildung: Best Practice-Beispiel Verwaltungsgebäude Venlo (NL)
Ausblick
Der Trend geht klar dahin, die Nutzenden in den Mittelpunkt des Bauschaffens zu stellen und Materialökologie neben den klassischen Komfortaspekten stärker zu gewichten. Gesetzliche Vorgaben, technologische Innovationen und gesellschaftliche Erwartungen treiben diese Entwicklung voran. Digitale Planungstools wie BIM ermöglichen eine lückenlose Dokumentation und Rückverfolgbarkeit der verwendeten Materialien.
Langfristig entsteht durch die Verbindung von Materialökologie und Nutzerkomfort ein ganzheitlicher Qualitätsanspruch im Bauwesen. Gesunde Baustoffe verbessern nicht nur die Luftqualität, sondern unterstützen auch thermischen und akustischen Komfort. Naturmaterialien wie Holz oder Lehm vereinen niedrige Emissionen mit positiven bauphysikalischen Eigenschaften und fördern so das Wohlbefinden.
Um diese Potenziale flächendeckend zu nutzen, sind enge Kooperationen zwischen Politik, Wissenschaft und Praxis erforderlich. Nur so lassen sich Innovationen dauerhaft etablieren und ein gesunder Gebäudebestand für heutige und zukünftige Generationen sichern.
Autoren
Vanessa Propach, Werner Sobek Green Technologies GmbH
Moritz Brombacher, Werner Sobek Green Technologies GmbH
Innenraumluftqualität
Schlechte Innenraumluftqualität in Gebäuden kann das Wohlbefinden und die Gesundheit von Nutzer*innen beeinträchtigen. Durch die bewusste Auswahl schadstofffreier und emissionsarmer Baustoffe sowie ein ausreichender Luftwechsel und kontinuierliche Kontrollen werden Belastungen minimiert und ein gesundes Raumklima langfristig sichergestellt.
Thermischer, akustische & visueller Komfort
Thermischer, akustischer und visueller Komfort sind entscheidend für das Wohlbefinden von Nutzer*innen in Gebäuden. Eine angenehme Raumtemperatur, gute Schalldämmung und ausreichend Tageslicht schaffen eine Umgebung, in der sich Menschen konzentrieren und erholen können. Blendfreies Licht und eine ruhige Atmosphäre fördern Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Durch eine ganzheitliche Planung lassen sich diese Faktoren optimal aufeinander abstimmen. Ein Gebäude mit hohem Komfort erfüllt langfristig die Anforderungen der Nutzenden und verhindert so Leerstand und Abriss.
Partizipation
Eine partizipative Bedarfsplanung integriert zukünftige Nutzer*innen frühzeitig in den Planungsprozess. Durch Befragungen und Beteiligung entsteht ein Gebäude mit hoher Akzeptanz und langer Nutzungsdauer. Innen wird Aufenthaltsqualität je nach Gebäudetyp z.B. gefördert durch kommunikative Erschließungsräume, Sitzbereiche und Zusatzangebote das Miteinander. Außen bieten gut vernetzte, zugängliche Flächen Raum für Begegnung, Bewegung, Arbeit sowie Ruhe und Erholung und stärken so die Nutzungsvielfalt.
Belegungsdichte
Die Belegungsdichte von Gebäuden ist ein zentraler Faktor für Nachhaltiges Bauen. Eine effiziente Nutzung von Flächen trägt zur Ressourcenminimierung und zum Klimaschutz bei, da weniger Material und Energie benötigt werden. Gleichzeitig müssen die Bedürfnisse der Menschen, etwa nach bezahlbarem Wohnen und ausreichendem Raum, berücksichtigt werden. Eine ausgewogene Belegungsdichte verbindet ökologische Effizienz mit sozialer Qualität und schafft lebenswerte, zukunftsfähige Gebäude.
Mobilität
Die Förderung nachhaltiger Mobilität im Umfeld von Gebäuden unterstützt Klimaschutz und Lebensqualität. Angebote wie sichere Fahrradabstellplätze, Ladestationen für E-Fahrzeuge, gute Anbindung an öffentlichen Nahverkehr und attraktive Fußwege reduzieren den Individualverkehr. So wird der CO₂-Ausstoß gesenkt, die Gesundheit der Nutzer*innen gefördert und eine umweltfreundliche, flexible Mobilität gewährleistet, die das Gebäude nachhaltig in seine Umgebung integriert.
Barrierefreiheit
Barrierefreie Gebäude gewährleisten, dass alle Menschen, unabhängig von Alter oder körperlichen Einschränkungen, Räume sicher und selbstständig nutzen können. Dazu gehören stufenfreie Zugänge, ausreichend breite Türen, Aufzüge, taktile Orientierungshilfen und gut lesbare Beschilderungen. Barrierefreie Planung fördert Inklusion, steigert die Nutzerfreundlichkeit und Lebensqualität und macht Gebäude langfristig zugänglich und flexibel nutzbar.